Erotik in der Beziehung: Wann wurde Flirten eigentlich „pervers“?

„Clickbait für notgeile Männer???“

Diesen Kommentar bekam ich im Dezember 2025 unter einem Social-Media-Post, der eigentlich etwas vollkommen anderes gezeigt hatte: einen ziemlich alltäglichen Flirt zwischen meinem Partner und mir.

Ich saß an meinem Tisch auf der Terrasse, beide Beine auf dem Tisch, weil mein linker Fuß nach einem Unfall noch geschwollen war und hochgelagert werden musste. Zwischen meinen Beinen mein Laptop. Ich schrieb Content und war vollständig bekleidet. Adam sortierte Holz unter der Terrasse, schaute hoch, lächelte verzaubert und bewundernd und sagte:

„Danke für die Aussicht! Das macht die Anstrengung dieser Arbeit so viel LOHNENSWERTER für mich!“

Ein Einblick in unsere Dynamik miteinander. Flirt. Wertschätzung. Präsenz. Erotik. Lebendigkeit, die unsere Polaritätsdynamik und Beziehung nährt.

Ich teilte diesen Moment damals auf Social Media. Eine der ersten Reaktionen darauf:

 

”Jenny, ich dachte Du wärst anders. Jetzt machst Du auch nur noch perversen Content als Clickbait für notgeile Männer.”

 

 

Soll das heißen: Frauen, die man respektiert, sind „nicht sexuell explizit“ und Frauen, die man begehrt, sind „pervers“, und kreieren „Billigcontent“, „für notgeile Männer“?

 

Ich blieb am Wort “pervers” hängen, weil es so viel darüber aussagt, was in Männern und Frauen heute innerlich passiert, sobald erotische Energie im Raum steht.

 

In der Sexualpsychologie wird dieser Mechanismus gut beschrieben:

Unterdrückte, beschämte oder moralisch verurteilte Anteile der eigenen Sexualität wandern nicht einfach weg – sie verschieben sich in Bereiche, die anonym, kontrollierbar und risikoarm sind.

Und genau dort beginnt für viele der Weg in kompensatorische Pornografie. Pornografie ist für viele Männer der erste Ort, an dem sie ihre Lust „ausleben dürfen“, ohne jemandem wehzutun, ohne sich erklären zu müssen, ohne Bewertung.

 

Männer wollen nicht übergriffig wirken, halten ihre Lust zurück, kontrollieren ihre Energie, reduzieren ihre Präsenz.

 

Und spalten exakt DADURCH den Anteil ihrer Männlichkeit ab, der eigentlich Richtung, Klarheit und Schutzkraft für Partnerin und Familie trägt. Frauen fühlen sich sicher, wenn ein Mann sie wirklich wahrnimmt. Männer fühlen sich kraftvoll, wenn eine Frau ihnen Raum gibt, präsent zu sein.

 

Weibliche Energie ist Ausstrahlung, Spiel, Genuss am eigenen Körper. Männliche Energie wirkt in Präsenz, Führung und dem Halten von Spannung.

 

Menschen, die Flirt als „pervers“ beschreiben, verwechseln gelebte Erotik mit den Bildern aus ihrer Pornografie-Blase.

 

Flirt und Erotik bedeuten Risiko (ich zeige mich). Präsenz. Atem. Körpersprache. Wechselseitiges Wahrnehmen.

 

Pornografie ist: Konsum ohne Verantwortung, einseitige Kontrolle (Pause, Vorspulen, Auswahl), kein echtes Gegenüber, das reagiert.

 

David Deida nennt das „unembodied desire“ – Verlangen ohne Körper, ohne Seele.

 

Flirt ist Beziehung. Pornografie ist Selbstberuhigung.

 

Wie der Tag weiterging… am Abend tauchte ich mit Adam nochmal tiefer in Thema. Er hat unter anderem Psychologie studiert und einen pastoraltheologischen Abschluss in Ehe- und Familienberatung… mich hat die Kirche als Institution immer abgeschreckt und deshalb habe ich nie Zugang zur Bibel finden können. Aber als wir da so mit unserem Schokoladenkuchen am Küchenboden saßen und Adam mir vom Ausmaß der Erotik erzählte die sich in der Bibel abbildet wurde mir bewusst wie missverstanden das alles ist. Hohes erotisches Bewusstsein ist zutiefst christlich-kompatibel. Wer das Hohelied Salomos liest, versteht, dass heilige Erotik immer Teil eines bewussten Lebens war… und Adams Reaktion auf den Kommentar findest Du auch bei Facebook…

 

Was ich mir wünsche…

Es geht im ersten Schritt einfach nur darum die Dynamik zu erkennen, die Paare auseinander treibt:

  • Männer, die ihre Anziehung verstecken und dadurch ihre Präsenz verlieren.
  • Frauen, die ihre Ausstrahlung zurückhalten und dadurch ihr Strahlen verlieren.

Wenn diese Ebene der Anziehung und geerdeter Erotik im Alltag wieder gelebt wird dann werden Männer klarer, Frauen weicher und Beziehungen wieder echter und lebendiger.

 

Ein paar Fragen zur Introspektion:

  • Wann hast Du das letzte Mal bewusst geflirtet – mit Deinem Partner oder mit dem Leben – ohne Dich danach zu schämen?
  • Welche Sätze aus Deiner Kindheit tauchen innerlich auf, wenn Du an Deine eigene Lust denkst?
  • Wie gehst Du mit Erregung um – verdrängen, moralisch bewerten, heimlich ausleben, offen ansprechen?
  • Gibt es Bereiche, in denen Du Dich im Alltag bewusst „abstellst“, um nicht auffällig zu sein?

Und vielleicht ein kleiner Perspektivwechsel: Pornografie ist oft ein Symptom dafür, dass wir uns die lebendigen, verspielten, manchmal unbequemen Teile unserer Sexualität im echten Leben verbieten.

 

UND wer sich noch mehr Impulse wünscht zum Thema GELEBTER POLARITÄT im Alltag… der findet sie in meinem Ebook BEZIEHUNGSCODE.